European Multilingual Blogging Day 2013 – The Native Speaker Principle

daymultiingbloggingToday, the blog is participating in European Multilingual Blogging Day 2013, which highlights the multilingual dimension of the web. The idea is to feature languages that are not usually used on a blog – in our case today, German.

So I have the twofold pleasure of joining in with the above initiative, and introducing you to Karen Rückert, who specializes in legal translations from German into English for commercial law lawyers.

guest book Karen started working as a legal translator in 2002 and, following a period working in-house at an international law firm, has been translating in a freelance capacity for clients in German-speaking countries since 2007. She also contributes to the mentoring programme run by the German Federal Association of Interpreters and Translators (BDÜ) for new translators, and as part of that initiative has started a blog about current issues. And now, over to Karen!

* * *

Das Muttersprachlerprinzip unter der Lupe

i found you!Was das Muttersprachlerprinzip (native speaker principle) bedeutet, ist für Übersetzer in anglophonen Ländern klar. In Großbritannien käme kaum ein Übersetzer auf die Idee, in die Fremdsprache zu übersetzen. Auch die Übersetzerverbände in Großbritannien erwarten, dass man nur in die Muttersprache übersetzt. Aber wie sieht es anderswo aus?

Seit 2002 wohne und arbeite ich als juristische Übersetzerin in Deutschland und war von Anfang an erstaunt, dass in Deutschland ganz andere Regeln für das Übersetzen gelten. Das Muttersprachlerprinzip ist in Deutschland zwar kein fremdes Konzept, das Übersetzen in beide Richtungen ist allerdings gang und gäbe. In manchen Bereichen wird es sogar vorausgesetzt. Es ist zum Beispiel nicht möglich, sich nur in eine Sprachrichtung beeidigen zu lassen. Folglich werden automatisch viele englische Muttersprachler ausgeschlossen, die sich an das Muttersprachlerprinzip halten, und es entsteht eine noch größere Nachfrage nach Übersetzern, die beeidigte Übersetzungen in die Fremdsprache Englisch anfertigen.

swordfightIm Hinblick auf diese entgegengesetzten, aber anscheinend parallel funktionierenden Praktiken erschien es mir angemessen, das Muttersprachlerprinzip näher zu untersuchen.

Auf welchen Annahmen basiert das Muttersprachlerprinzip?

Das Muttersprachlerprinzip basiert, meiner Meinung nach, auf folgenden 2 Annahmen:

  1. Nicht-Muttersprachler der Zielsprache sind nicht in der Lage, adäquate Übersetzungen anzufertigen;
  2. Muttersprachler der Zielsprache werden immer adäquate Übersetzungen anfertigen.

Beide Annahmen beschäftigen sich vor allem mit dem Aspekt der sprachlichen und stilistischen Sicherheit in der Zielsprache. Obwohl es für die traditionellen Formen der Übersetzung, wie zum Beispiel Literaturübersetzungen, zutreffen mag, dass der Redefluss im Zieltext oberste Priorität hat und ein Muttersprachler der Zielsprache den stilistisch besten Zieltext produzieren wird, scheint dieser Standard jetzt auch automatisch auf alle anderen Arten der Übersetzung, einschließlich der Übersetzung juristischer Dokumente, Anwendung zu finden, und hier sehe ich Probleme.

givetakeUm eine präzise juristische Übersetzung anfertigen zu können, muss die Übersetzung nicht nur stilistisch korrekt, sondern auch inhaltlich genau sein. Der juristische Übersetzer muss teilweise sehr komplizierte und rechtssystemgebundene Inhalte nicht nur zwischen zwei Sprachen, sondern auch zwischen zwei Rechtssystemen übersetzen. Dafür sind nicht nur gute Sprachkenntnisse, sondern darüber hinaus gute Rechtskenntnisse unabdingbar. Leider ist dies oft utopisch, zumal Übersetzer selten umfassendes Wissen in den Rechtssystemen der Ausgangs- als auch der Zielsprache vorweisen können. Es wird also klar, dass man sich in vielen Fällen wohl oder übel auf Kompromisse einlassen muss. Da im juristischen Bereich der Großteil der Übersetzungen zu Zwecken der Referenz und der Information erfolgt, weil zum Beispiel Geschäftsleute, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, in Deutschland agieren und damit gleichzeitig alle Geschäftsvorgänge dem deutschen Rechtssystem unterliegen, muss die fachliche Korrektheit Vorrang haben. Vor diesem Hintergrund ist für ein sehr kompliziertes rechtliches Thema wahrscheinlich doch ein muttersprachlicher Experte der Ausgangssprache (zum Beispiel ein deutscher Rechtsanwalt) der geeignetere Übersetzer, da dieser in der Lage ist, die Besonderheiten spezieller Rechtsfragen nach deutschem Recht zu erklären – vorausgesetzt, die Übersetzung liest sich flüssig genug und lässt keine Verständnisprobleme zu.

Als englische Muttersprachlerin, die selbst nie auf die Idee kommen würde, aus der Muttersprache zu übersetzen, möchte ich ganz sicher nicht behaupten, dass wir als Übersetzer die Muttersprache ganz außer Acht lassen sollten. Ich finde, wir sollten allerdings genau überlegen, was wir damit meinen, wenn wir vom Muttersprachlerprinzip sprechen und noch wichtiger, wenn wir andere, die sich nicht wantneeddaran halten, deshalb nicht achten. Selbst in hochspezialisierten Bereichen wird es sicherlich Fälle geben, in denen ausschließlich eine Übersetzung von einem Muttersprachler der Zielsprache die gestellten Ansprüche erfüllen wird.

Um jedoch einer Übersetzung dieser Art gerecht zu werden, muss der Muttersprachler aber auch unbedingt über das erforderliche Fachwissen verfügen. Eine Übersetzung, die die Ausgangstextaussage mit ein paar stilistischen und sprachlichen Fehlern (die von einem Korrektor verbessert werden können) präzise übermittelt, ist zwingend einer Übersetzung vorzuziehen, die sprachlich rightwrongund grammatikalisch einwandfrei ist, jedoch die Ausgangstextaussage verzerrt oder gar fehlinterpretiert. Solche inhaltlichen Fehler sind im finalen Zieltext dann nicht mehr erkennbar, wenn der Leser nicht auf den Ausgangstext zurückgreifen kann. Werden geschäftliche und juristische Entscheidungen basierend auf einer solchen irreführenden Übersetzung getroffen, kann großer Schaden entstehen. Es erscheint mir also nicht nur ungerecht, sondern auch als ein großer Fehler, adäquate Übersetzungen von Nicht-Muttersprachlern der Zielsprache nicht zu würdigen, insbesondere dann, wenn man damit gleichzeitig nicht-adäquate, d.h. fehlerhafte Übersetzungen von Muttersprachlern der Zielsprache favorisiert.

Anstatt allgemeine Pauschalaussagen zu treffen, ist es auf jeden Fall am sinnvollsten, sich den Zweck der konkreten Übersetzung vor Augen zu halten und auf dieser Grundlage die Entscheidung zu treffen, welcher Übersetzer für das jeweilige Projekt am geeignetsten ist.

* * *

Greece, Corinth CanalThis article is based on Karen’s MA Legal Translation dissertation, described in more detail in the English article “A new rule of law?” published in The Linguist (accessible from here, pages 12-13). The full dissertation “The native speaker principle and its place in legal translation” is available from her website here.

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9 thoughts on “European Multilingual Blogging Day 2013 – The Native Speaker Principle

  1. Karen, wonderful post, thank you! Here in Uruguay we are (those of us who hold a certification as a Public Translator after a four-year course in translations studies, which I completed at the University’s Law School) instructed and tested in our translation skills both ways – let me tell you right off that my pair is English-Spanish, and though I read your post in German without any difficulty at all, I am a total zero at writing in German, that’s why I am responding in English – also for the benefit of other readers.
    I fully share the basic premise of the ‘native language principle’ but only ‘in principle’, if you will forgive the (intended) tautology :). There are many other considerations to take into account – many of which you are addressing already in your post. Of course when I am translating into my native language, Spanish, I virtually “fly” over the translation, and when I go the other way, I will maybe exert greater caution not to fall into any Spanglish trap.
    On the one hand, the peculiarities of the market one works in forces you to infringe the native language principle, and I concur that I am continually finding fault with the English rendition of non-natives…so in this respect, the rule would mostly apply, although, as the saying goes, every rule has exceptions.
    To my mind, more than absolute perfection in the language, immersion in the foreign culture and knowledge of the subject matter are paramount. Moreover, I have seen instances where the English native translator into English has misinterpreted or completely missed a subtlety of the Spanish source text. This happens especially in the legal domain. As you so rightly said, translators need to deal not only with the peculiarities of legalese of the source text, but with a completely different legal system. This has been recognized in our syllabus, to the extent that here, lawyers do not have in theirs a subject included in ours, Compared Law – where we study mostly the differences between the Anglo-Saxon system of law and that of Civil Law countries.
    Therefore, for the reasons you mentioned and the above, I feel that not every translator who infringes the native language principle ought to be stigmatized…
    In closing, thanks to Words to Deeds for the idea and for sharing.

  2. Pingback: European Day of Multilingual Blogging – Reunion Creole | A Smart Translator's Reunion

  3. Pingback: Weekly favorites (Nov 15-21) | Adventures in Freelance Translation

  4. Pingback: Most read posts 2013 | From Words to Deeds: translation & the law

  5. Hello Karen,

    I read your comments on the “mother tongue” requirement with great interest. I am in a special situation. I was born in Germany where I went to academic high school (Gymnasium) and to agricultural school. At the age of 20, I emigrated to Canada where I lived in an English-speaking environment for 55 years. I studied at a Canadian university in English. I became a translator with the federal government’s Translation Bureau where I worked as translator and revisor in BOTH directions (German-English and English-German). I also served as a Canadian exchange translator for the German Bundessprachenamt (Federal Language Bureau) in Hürth near Cologne in 1979 and again in 1983. In 1987, I took early retirement and continued translating as a freelance in BOTH directions for Canadian and German government agencies and various industries, law firms, etc. I still do. In 2007 I returned to live and work in Germany, although I still spend every summer (at least 6 weeks) in Canada. I speak and translate with 100% equal ease and expertise in BOTH directions, and I find the “mother tongue” requirement difficult to answer.
    Yes, my “mother” tongue was German, but English became my “normal” language. I have authored 10 books in English and 2 in German. I have translated several books in both directions. What I’m trying to say is this: USUALLY, people should only translate into their mother tongue. BUT when professional translators have become completely integrated into BOTH languages, linguistically and culturally, it makes no difference in which direction they translate. I have seen other examples in Canada among “Francophones” who grew up in completely bilingual families. Why should a “mother” tongue be more important than a “father” tongue or a language in which you are completely at home? And that goes not only for technical but also for literary texts. It may be fairly rare, but it is perfectly possible to equally qualified in both directions.
    Best regards, Peter Hessel
    http://www.peterhesseltranslator.com

    • Thank you for your reply! Yes, I think that illustrates perfectly why it is important not to apply the native speaker principle as standard. It is very important to look more carefully at specific cases in point, whether the exception results from a more complex background such as your own or a particularly complex source language text where perhaps the only people with the in-depth subject-field knowledge are source language subject specialists.

  6. @Peter and @Karen: Couldn’t agree with you more. As an aside, I have seen grammar and other mistakes of English in writings of English native speakers – even in books by renown authors! – that have made me cringe. With every passing day, I am more and more convinced that the mother-tongue requirement is not written in stone. More to the point, it “should not” be written in stone…

  7. Pingback: Guest post – Uso y el abuso de la voz pasiva en el lenguaje jurídico | From Words to Deeds: translation & the law

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